Ein Klinikum, später Nachmittag. Eine Absperrarmatur im Untergeschoss lässt sich nicht mehr schließen, ein Strang muss kurzfristig vom Netz. Der Kollege, der genau weiß, welche der drei fast identischen Armaturen den richtigen Bereich abtrennt, hat vor zwei Monaten seinen Ruhestand angetreten. Im Ordner steht ein Plan, der zuletzt vor elf Jahren aktualisiert wurde.

Solche Situationen entstehen nicht durch Nachlässigkeit, sondern durch einen stillen Prozess: Erfahrene Techniker nehmen über Jahrzehnte ein Wissen auf, das nirgends vollständig aufgeschrieben ist. Wenn sie gehen, geht es mit. Dieser Artikel beschreibt, warum das gerade jetzt zum Thema wird und was Einrichtungen dagegen tun können.

Eine Generation verabschiedet sich

Die Krankenhäuser in Deutschland haben seit der Jahrtausendwende kräftig Personal aufgebaut, nach Angaben der Deutschen Krankenhausgesellschaft um rund 31 Prozent. Gleichzeitig weist das Fachkräftemonitoring von DKG und DKI darauf hin, dass in den kommenden zehn Jahren etwa 300.000 Beschäftigte aus Altersgründen ausscheiden werden. Die Zahl bezieht sich auf alle Berufsgruppen, und der Blick fällt meist auf Pflege und Ärzteschaft. Für die technischen Dienste gibt es kaum eigene Erhebungen. Die Altersstruktur dürfte dort aber ähnlich aussehen, denn Haustechnik, Betriebstechnik und Medizintechnik sind Bereiche, in denen Berufserfahrung traditionell lange gehalten wird.

Hinzu kommt, dass Nachwuchs in Handwerk und Technik auch außerhalb der Kliniken stark nachgefragt ist. Eine Stelle im Sanitär- oder Anlagenbereich lässt sich nicht einfach nachbesetzen, und wenn doch, beginnt die neue Kraft meist ohne Übergabe, weil die Vorgängerin oder der Vorgänger bereits weg ist.

Was eigentlich verloren geht

Das offensichtliche Wissen steht in Plänen, Wartungsverträgen und Betriebsanweisungen. Das wertvollere liegt dazwischen. Es ist die Erinnerung daran, welcher Umbau 2009 eine Leitung stillgelegt, aber nicht zurückgebaut hat. Es ist das Gespür dafür, an welcher Entnahmestelle das Wasser regelmäßig lange steht. Es ist die Information, dass ein bestimmter Bereich im Sommer nie richtig ausgelastet ist.

In der Trinkwasserhygiene wiegt das besonders schwer. Totleitungen, selten genutzte Stränge und Nachrüstungen sind bekannte Ursachen für Probleme im System, und gerade sie sind in älteren Dokumentationen oft unvollständig. Wer die Anlage nur aus den Unterlagen kennt, übersieht sie leicht. Ein Befund mit erhöhten Legionellenwerten wird dann zu einer Suche nach einer Ursache, die ein erfahrener Kollege vermutlich in zehn Minuten benannt hätte.

  • Explizites Wissen: Alles, was dokumentiert ist, etwa Pläne, Stammdaten, Prüfprotokolle, Befunde.
  • Implizites Wissen: Erfahrung und Anlagenkenntnis, die in Köpfen steckt und selten aufgeschrieben wird.
  • Betreiberverantwortung: Die Pflicht des Betreibers, die Anlage nachweisbar in einem sicheren Zustand zu halten, unabhängig davon, wer gerade im Haus arbeitet.

Warum ein Abschiedsfest nicht reicht

Naheliegend ist der Gedanke, den scheidenden Kollegen noch ein paar Wochen vor Eintritt in den Ruhestand alles erzählen zu lassen. Das hilft, löst das Problem aber selten. Implizites Wissen lässt sich nicht auf Zuruf abrufen. Man weiß nicht, was man weiß, bis eine konkrete Frage es hervorholt. Und in der Übergangsphase fehlt meist die Zeit, weil der Betrieb weiterläuft.

Wirksamer ist, Wissen im laufenden Betrieb festzuhalten, sobald es entsteht. Jede Begehung, jede Spülung, jede Probenahme und jeder Filterwechsel erzeugt Informationen: wo etwas war, was auffiel, was geändert wurde. Wird das an Ort und Stelle erfasst und einer Entnahmestelle zugeordnet, wächst über die Jahre ein Gedächtnis der Anlage, das nicht an eine Person gebunden ist. Dokumentation ist dann kein Nebenprodukt, sondern die Wissenssicherung selbst.

Eine Anlage ist dann gut dokumentiert, wenn eine neue Kollegin am ersten Arbeitstag erfährt, was die Vorgänger wussten.

Was Einrichtungen jetzt tun können

Der erste Schritt ist unspektakulär: eine ehrliche Bestandsaufnahme, wer in den nächsten fünf bis zehn Jahren ausscheidet und welche Anlagenkenntnis an dieser Person hängt. Danach lohnt es sich, die Stammdaten zu prüfen. Stimmen Etagenpläne, Entnahmestellen und Bezeichnungen mit der Wirklichkeit überein? Gibt es Stränge, über die nur eine Person Bescheid weiß?

  • Tandems bilden: Neue Kolleginnen und Kollegen früh mit erfahrenen zusammenarbeiten lassen, und zwar bei echten Einsätzen, nicht in Schulungsräumen.
  • Auffälligkeiten festhalten: Nicht nur Soll-Werte dokumentieren, sondern auch, was im Alltag aufgefallen ist.
  • Eine zentrale Datenbasis nutzen: Eine gemeinsame Anlage statt Einzellösungen in Excel-Tabellen und Papierordnern, auf die alle mit Berechtigung zugreifen können.

Wo Trinkwasserhygiene digital geführt wird, ist ein Teil dieser Arbeit bereits gemacht. Spülungen, Beprobungen und Maßnahmen sind dann historisch nachvollziehbar, und die Frage, was an einer bestimmten Entnahmestelle zuletzt passiert ist, lässt sich ohne den Anruf bei einem Ruheständler beantworten.

Fazit: Wissenssicherung ist Teil der Patientensicherheit

Der demografische Wandel lässt sich nicht aufhalten, der Verlust von Anlagenwissen schon eher. Dafür braucht es weder große Programme noch neue Organisationsformen, sondern die Gewohnheit, Erfahrung nicht nur im Kopf zu tragen. Einrichtungen, die jetzt beginnen, gewinnen Zeit, die später nicht mehr zu kaufen ist.

Und wer den Techniker, der bald geht, heute nach seinen drei wichtigsten Besonderheiten der Anlage fragt, hat vermutlich schon den ersten Eintrag für das Gedächtnis des Hauses.