Sechs Wochen Betriebsferien, ein leeres Schulgebäude, eine Verwaltung im Sommerloch. Für die Menschen war es eine Pause. Für das Wasser in den Leitungen war es etwas anderes: eine sechswöchige Stillstandsphase, in der sich langsam alles verändert hat, was für Trinkwasserhygiene entscheidend ist.

Jetzt, mit dem Ende der Sommerpause, füllen sich Klassenzimmer, Büros und Stationen wieder. Und genau in diesem Moment, dem ersten Wasserlauf nach Wochen der Ruhe, entscheidet sich, ob aus einer stillen Leitung ein handfestes Hygienerisiko wird.

Was in ruhendem Wasser passiert

Trinkwasserinstallationen sind auf Durchfluss ausgelegt, nicht auf Stillstand. Bleibt Wasser über Tage oder Wochen in der Leitung stehen, passiert gleich mehrere Dinge auf einmal: Das Kaltwasser erwärmt sich in Richtung Raumtemperatur, das Warmwasser kühlt in die andere Richtung ab, und beides schiebt die Temperatur genau in den Bereich, in dem sich Legionellen am wohlsten fühlen. Gleichzeitig baut sich der Biofilm an den Rohrinnenwänden ungestört weiter auf, weil kein Wasserfluss ihn abträgt, und ein eventuell vorhandener Desinfektionsschutz des Wasserversorgers ist nach so langer Zeit längst aufgebraucht.

Hinzu kommt ein Effekt, der oft übersehen wird: Je länger Wasser in Kontakt mit Rohrmaterial steht, desto mehr Metallionen können sich lösen, etwa aus Kupfer- oder Messingarmaturen. Das erste Wasser aus dem Hahn nach den Ferien ist also nicht nur mikrobiologisch, sondern teils auch chemisch ein anderes Wasser als das, was normalerweise aus der Leitung kommt.

Betroffen sind dabei längst nicht nur Schulen und Kitas. Verwaltungsgebäude mit Betriebsferien, Hotels und Ferienunterkünfte in der Nebensaison, aber auch einzelne Stationen oder Flügel in Krankenhäusern, die im Sommer wegen reduzierter Bettenbelegung oder verschobener planbarer Eingriffe schwächer ausgelastet waren, stehen vor demselben Problem. Überall dort, wo Menschen für Wochen fehlen, bleibt das Wasser zurück und verändert sich in aller Stille.

  • Stagnation: Zustand, in dem Trinkwasser über einen längeren Zeitraum nicht durch die Leitung fließt, etwa bei Gebäudeleerstand oder ungenutzten Nebenräumen.
  • Biofilm: dünner, schleimiger Belag aus Mikroorganismen an Rohrinnenwänden, der Keimen wie Legionellen einen geschützten Lebensraum bietet.
  • Totstrang/Totleitung: ein Leitungsabschnitt ohne regelmäßigen Durchfluss, häufig durch Umbauten oder selten genutzte Räume entstanden, besonders anfällig für Stagnation.

Was das Regelwerk verlangt

Die VDI/DVGW 6023 Blatt 1 formuliert es klar: Trinkwasser-Installationen sollen so betrieben werden, dass Stagnation gar nicht erst entsteht, und wo sie sich nicht vermeiden lässt, muss regelmäßig gespült werden. Nach einer mehrwöchigen Schließzeit reicht ein einmaliges kurzes Aufdrehen des Hahns nicht aus. Empfohlen wird ein systematisches Spülen aller Entnahmestellen, kalt und warm getrennt, so lange, bis sich eine stabile Temperatur einstellt, die der jeweiligen Versorgungstemperatur entspricht.

In Einrichtungen des Gesundheitswesens kommt die Betreiberverantwortung nach TrinkwV hinzu: Wer eine Großanlage betreibt, muss den Zustand seiner Installation im Blick behalten und bei begründetem Anlass, wozu eine mehrwöchige Stilllegung zählt, geeignete Maßnahmen vor Wiederinbetriebnahme nachweisen können. Ob danach zusätzlich eine Beprobung sinnvoll ist, hängt vom Einzelfall ab, insbesondere davon, wie sensibel die versorgten Bereiche sind.

Nicht der Sommer macht das Wasser zum Risiko, sondern das, was mit ihm passiert, während niemand hinschaut.

Wo die Routine an ihre Grenzen kommt

In der Theorie ist das Vorgehen einfach: vor der Wiedereröffnung spülen, dokumentieren, freigeben. In der Praxis trifft diese Aufgabe auf reale Betriebsabläufe. Schulen und Kitas öffnen oft mit wenig Vorlauf, Hausmeister sind selbst gerade aus dem Urlaub zurück, und in großen Liegenschaften mit mehreren Hundert Entnahmestellen ist schwer zu überblicken, welcher Trakt tatsächlich wochenlang ungenutzt war und welcher, etwa durch Reinigungspersonal oder Handwerker, zwischendurch doch bespült wurde.

Genau hier entscheidet sich, ob eine Spülung tatsächlich risikobasiert und vollständig erfolgt, oder ob sie zur Pflichtübung wird, die schnell und lückenhaft abgehakt wird. Wer digital dokumentiert, welche Entnahmestelle wann zuletzt durchspült wurde, kann nach einer Sommerpause gezielt genau die Bereiche priorisieren, die am längsten stillstanden, statt pauschal das gesamte Gebäude gleich zu behandeln. Das beschleunigt die Wiedereröffnung, ohne die Sorgfalt zu verlieren, die eine mehrwöchige Stagnation eigentlich verlangt.

Ebenso wichtig ist die Frage, wer am Ende die Verantwortung trägt, wenn eine Spülung als erledigt gilt, obwohl sie nur teilweise stattgefunden hat. Ohne nachvollziehbare Dokumentation bleibt im Zweifel nur die mündliche Zusage der Haustechnik, dass alles gespült wurde. Bei einer Begehung durch das Gesundheitsamt oder im Fall eines späteren Befundes zählt aber, was sich belegen lässt, nicht, was vermutlich passiert ist.

Fazit: Der erste Wasserlauf verdient Aufmerksamkeit

Die Sommerpause endet für Gebäude nicht mit dem ersten Menschen, der wieder durch die Tür kommt, sondern eigentlich schon vorher, mit dem ersten Wasser, das durch die Leitungen läuft. Wer diesen Moment ernst nimmt und systematisch statt beiläufig spült, verhindert, dass aus einer harmlosen Betriebspause ein handfestes Hygieneproblem wird.