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100 KBE, ein Grenzwert und viele Missverständnisse

100 KBE, ein Grenzwert und viele Missverständnisse

Der Laborbefund kommt per E-Mail, mitten am Vormittag: 180 KBE/100 ml Legionella spec. in einer Duschleitung auf Station 3. Die Hygienefachkraft liest die Zahl zweimal, googelt kurz zur Sicherheit und ist sich plötzlich nicht mehr sicher, ob sie gerade ein akutes Sicherheitsproblem oder eine völlig normale Woche vor sich hat.

Diese Unsicherheit ist verständlich, und sie ist auch kein Zeichen mangelnder Kompetenz. Der technische Maßnahmenwert für Legionellen wird in der öffentlichen Wahrnehmung oft wie ein scharfer Grenzwert behandelt, eine Linie, die entweder eingehalten oder überschritten wird. In der Praxis ist die Zahl deutlich unschärfer, und genau das macht sie schwerer zu kommunizieren als etwa ein Nitratwert.

Maßnahmenwert statt Grenzwert

Die Trinkwasserverordnung unterscheidet bewusst zwischen Grenzwerten und technischen Maßnahmenwerten. Ein Grenzwert, etwa bei Nitrat oder Blei, markiert eine gesundheitliche Schwelle: Wird er überschritten, ist das Wasser im rechtlichen Sinn nicht mehr als Trinkwasser zu verwenden. Der technische Maßnahmenwert für Legionellen von 100 koloniebildenden Einheiten je 100 Milliliter funktioniert anders. Er ist kein toxikologischer Schwellenwert, sondern ein Auslöser: Wird er überschritten, verpflichtet das den Betreiber zu einer Ursachenermittlung und zu Sofortmaßnahmen, nicht automatisch zu einem Nutzungsverbot.

Der Unterschied ist mehr als Semantik. Legionellen kommen in praktisch jedem Trinkwassersystem in geringer Zahl natürlich vor, sie lassen sich nicht auf null reduzieren. Die Frage ist nicht, ob sie vorhanden sind, sondern ob die Bedingungen im System (Temperatur, Stagnation, Biofilm) ihre Vermehrung begünstigen. Der Maßnahmenwert ist der Punkt, an dem diese Frage verbindlich gestellt werden muss.

  • KBE: Koloniebildende Einheit, die Maßeinheit für lebende, vermehrungsfähige Bakterien in einer Wasserprobe.
  • Technischer Maßnahmenwert: Schwelle, ab der eine Gefährdungsanalyse und Sofortmaßnahmen verpflichtend werden, kein Nutzungsverbot per se.
  • Großanlage: Anlage zur Trinkwassererwärmung mit einem Speicher- oder Rohrvolumen oberhalb der in der Trinkwasserverordnung definierten Schwelle, typischerweise in Mehrfamilienhäusern, Kliniken oder Pflegeeinrichtungen.
  • Gefährdungsanalyse: Systematische Untersuchung der Anlage nach DVGW-Arbeitsblatt W551, um die Ursache einer Überschreitung zu finden.

Warum eine einzelne Zahl selten die ganze Geschichte erzählt

Legionellenkonzentrationen schwanken innerhalb eines Gebäudes und innerhalb weniger Tage teils erheblich. Eine Entnahmestelle, die selten genutzt wird, zeigt oft höhere Werte als eine stark frequentierte, weil Stagnation die Vermehrung begünstigt und Biofilm an Rohrwänden Nährboden bietet, der sich mit einer einzelnen Probe nicht vollständig erfassen lässt. Auch die Probenahmetechnik selbst spielt eine Rolle: Eine Erstauslaufprobe misst etwas anderes als eine Stagnationsprobe nach längerer Nichtnutzung.

Das bedeutet nicht, dass ein einzelner Wert ignoriert werden darf. Es bedeutet, dass er als Hinweis auf ein mögliches Systemproblem zu lesen ist, nicht als abschließendes Urteil über eine einzelne Leitung. Genau deshalb schreibt das DVGW-Arbeitsblatt W551 bei Überschreitung eine strukturierte Gefährdungsanalyse vor, die das gesamte System betrachtet: Temperaturprofile an Erhitzer, Zirkulation und Entnahmestellen, Nutzungshäufigkeit, bauliche Totleitungen und den Zustand von Perlatoren und Duschköpfen.

Ein einzelner Laborwert ersetzt keine Systemkenntnis. Er ist der Anlass, sie sich anzueignen, nicht der Ersatz dafür.

Was nach einer Überschreitung tatsächlich passieren muss

Nach einer bestätigten Überschreitung des technischen Maßnahmenwerts sieht das Regelwerk ein gestuftes Vorgehen vor. Zunächst greifen Sofortmaßnahmen an den betroffenen Entnahmestellen, etwa eine thermische Desinfektion oder eine intensivierte Spülung, während parallel die Gefährdungsanalyse läuft. Diese muss klären, ob es sich um ein lokales Problem an einer einzelnen Leitung handelt oder um ein strukturelles Problem der gesamten Anlage, etwa eine zu niedrige Zirkulationstemperatur.

Erst wenn die Ursache identifiziert und behoben ist, folgt eine Nachuntersuchung, die zeigen soll, dass die Maßnahme gewirkt hat. In der Zwischenzeit trägt der Betreiber die Verantwortung, betroffene Bereiche zu kennzeichnen und, wo nötig, alternative Wasserzugänge bereitzustellen, insbesondere in Einrichtungen mit besonders empfindlichen Personengruppen wie Kliniken oder Pflegeheimen. Die routinemäßige Untersuchungspflicht selbst besteht unabhängig von einer akuten Überschreitung: Großanlagen in öffentlich oder gewerblich genutzten Gebäuden werden in der Regel jährlich, in Wohngebäuden alle drei Jahre beprobt.

Wiederkehrende Aufgabe statt Einmalereignis

Der eigentliche praktische Stolperstein liegt selten in der Interpretation eines einzelnen Werts, sondern darin, den Überblick über viele Werte, viele Entnahmestellen und mehrere Untersuchungszyklen zu behalten. In größeren Liegenschaften mit mehreren hundert Entnahmestellen wird aus einer fachlich klaren Regel schnell eine organisatorische Herausforderung: Welche Stelle wurde wann zuletzt beprobt, welcher Trend zeichnet sich über mehrere Zyklen ab, und wo lohnt sich ein genauerer Blick, bevor überhaupt ein Wert auffällig wird.

Wer diese Übersicht nur in einzelnen PDF-Befunden und Excel-Tabellen führt, verliert genau die Information, die eine einzelne Zahl erst einordbar macht: den Verlauf. Ein System, das Befunde über Zeit und Entnahmestellen hinweg sichtbar macht, verwandelt eine potenziell beunruhigende Einzelmeldung in das, was sie eigentlich sein sollte, ein Datenpunkt in einer laufenden Beobachtung.

Fazit: Der Wert ist der Anfang der Arbeit, nicht das Ergebnis

100 KBE/100 ml sind kein Urteil über ein Gebäude und keine Schlagzeile wert, sondern eine Aufforderung, genauer hinzusehen. Wer die Zahl richtig einordnet, weiß: Sie sagt wenig über die tatsächliche Gefahr aus, solange man sie nicht im Kontext von Temperatur, Nutzung und Systemhistorie liest. Genau dieser Kontext, nicht der einzelne Messwert, entscheidet darüber, ob eine Einrichtung ihrer Betreiberverantwortung gerecht wird.

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